…was in der Zeitung steht

Was in der Zeitung steht“ – so lautet der Titel eines Liedes von Reinhard Mey. Das Lied ist schon ein wenig älter, es hat aber nichts von seiner Aktualiät verloren.

Man stelle sich folgende Situation vor: Regelmäßig klingeln die Nachbarskinder bei Ihnen an der Tür, um z.B. nachzufragen, ob sie auf die Schaukel in ihrem Garten dürfen. Die Eltern der Kinder wissen darüber bescheid, die eigenen Kinder sind längst erwachsen und nutzen die Schaukel nicht mehr.

Aber es gibt Nachbarn, die mögen Sie nicht, warum auch immer. Sie fotografieren die klingelnden Kinder an Ihrer Tür und es gibt auch Fotos, die regelmäßig „beweisen“, das die Kinder in Ihr Haus gehen. Mit diesen Fotos gehen die Nachbarn nicht etwa zur Polizei – nein, sie wenden sich an die örtliche Presse.

Kurze Zeit später erscheint auf der Titelseite des Lokalteils ein Artikel mit Fotos Ihres Hauses und der Frage in der Überschrift: „Was passiert hinter dieser Tür?“ Natürlich hat die Redaktion Sie vorher angerufen, aber Sie haben nur gesagt: „Alles Quatsch! Die Kinder spielen lediglich bei mir im Garten.“ Das steht dann auch so in der Zeitung, allerdings mit dem süffisanten Zusatz: „Der Mann behauptet…“ Und selbstverständlich kommen vor allem die Anwohner des bösen Nachbarn reichlich zu Wort.

Was in der Zeitung steht…spätestens jetzt sollte man sich das Lied von Reinhard Mey einmal anhören.

Meine Geschichte klingt abwegig?

Erst heute findet sich u.a. auf Merkur.de folgende Meldung:

 „Freising – Beim Spaziergang mit seiner zehnjährigen Tochter ist ein Mann in Freising bei München als Pädophiler beschimpft und geschlagen worden. Drei junge Männer im Alter von 18 bis 23 Jahren waren dem 50-Jährigen und seiner Tochter am Freitagabend gefolgt und hatten auch eine Anwohnerin auf die vermeintliche Situation aufmerksam gemacht. Wie die Polizei am Samstag berichtete, schloss sich die Frau gemeinsam mit einem Nachbarn dem Verfolgertrupp an. Schließlich sprach die Gruppe den Vater an und beschimpfte ihn als Kinderschänder. Der hinzukommende Freund der Anwohnerin schlug dem Familienvater sogar ins Gesicht. Dabei wollte sich der Mann aus Ingolstadt nur mit seiner Tochter die Zeit vertreiben, während seine Frau einen Fortbildungskurs absolvierte.“

In meiner Stadt ist jetzt auch so etwas ähnliches passiert.

Einige Lehrer eines Gymnasiums sind unzufrieden mit Ihrer Schulleiterin. Sie haben „Beweise“ gesammelt, um ihr Verfehlungen nachzuweisen.

Mit diesen Unterlagen haben die Pädagogen sich aber nicht etwa an die Schulbehörde gewandt, sondern – der geneigte Leser dieses Blogs ahnt es schon – an die örtliche Presse.

Und was macht die Lokalzeitung? Sie recherchiert „gründlich“ und konfrontiert die Schulleiterin mit den Vorwürfen. Die verweist auf die zuständige Schulbehörde. Die Schulbehörde hat aber offenbar noch keine offizielle Beschwerde erhalten. Primär, so liest man in der Lokalzeitung, habe man keinen Grund an den Aussagen der Schulleiterin zu zweifeln.

Das Ende der „gründlichen“ Recherche: Ein langer Artikel mit Foto und der Auflistung sämtlicher Vorwürfe. Gegenargumente werden mit folgenden Sätzen kommentiert:

„Die Behörde, die eigentlich ein Kontrollorgan sein sollte, nimmt die Schulleiterin umfassend in Schutz.

„Aus der Landesschulbehörde bekommt die Schulleiterin Rückendeckung – allerdings immer mit der Argumentation der Schulleiterin.“

„…gibt die Behördenvertreterin die Argumente der Schulleiterin wieder„(Namen von mir entfernt)

Übrig bleibt ein ausführlicher Artikel mit Foto der Schulleiterin und dem Tenor:

Schulleiterin (…), innerhalb kürzester Zeit den Rückhalt bei großen Teilen der Lehrer verloren hat. Alle von der Redaktion befragten Pädagogen äußerten sich gleich. „Der Unmut ist riesig“, sagt einer der Pädagogen. Ein weiterer spricht von einem „Klima der Verunsicherung“, das äußerst belastend für viele Lehrer sei.

Was in der Zeitung steht. Nun ist es also raus – es wurde reichlich mit Dreck geworfen und irgendwas wird schon kleben bleiben, oder? Damit dürften die Kritiker ihr Ziel erreicht haben und eine „unabhängige“ Tageszeitung hat dabei brav mitgespielt.

Was lernen eigentlich die Kinder von dieser Art der Konfliktbewältigung?

  • Inhaltliche Auseinandersetzungen sind überflüssig
  • Der Versuch einer Klärung unter Ausschluß der Öffentlichkeit (Schlichtung) ist sinnlos
  • Wenn Dir eine Nase nicht passt: Denunziere ihn öffentlich (und finde ein „Medium“ das dabei mitmacht)!

Ich will den Wahrheitsgehalt der gesamten Geschichte gar nicht bewerten – dazu fehlen mir viel zu viele Informationen.

Ich ärgere mich über die unreflektierte und vor allem unvollständige Berichterstattung (Wieviele Lehrer sind denn „dagegen“? Was wurde im Vorfeld schon an Schlichtungsversuchen unternommen? Wie kommt es, das die Eltern das offenbar nicht so sehen?). Das ganze hat etwas von einem „Pranger“ und gehört so nicht in die Öffentlichkeit. Leider nehmen immer weniger Zeitungs- und Meldungsmacher darauf Rücksicht, was in der Zeitung steht.

Hauptsache Schlagzeile.