Fake News? Corona-Lüge? Oder was?

Ein Mann steht in Hamburg auf einer Brücke. Er schlägt sich ständig mit der Hand auf die Stirn. Fragt ihn ein Passant: „Warum machen Sie das?“
Der Mann antwortet: „Das vertreibt Krokodile!“
„Aber in Hamburg gibt es doch gar keine Krokodile…“
„Sehen Sie“, antwortet der Mann, „es wirkt!“

So oder ähnlich betrachten offenbar einige Zeitgenossen die aktuellen Entwicklungen rund um die „Corona-Krise“, wie sie insgesamt überschrieben wird.
Alles Lüge. Die Maßnahmen sind völlig ungerechtfertigt und unnötig. Alles gar nicht so schlimm. Das Ganze ist ein Witz – so wie die Zeilen zu Beginn dieses Beitrags.

Ich möchte auf einzelne Punkte eingehen, da sie in der täglichen Diskussion immer wieder auftauchen. Ich bin wahrlich kein Experte was die Infektionen mit SARS-CoV-2-Viren und die Covid-19-Erkrankung angeht. Ich bin nur ein einfacher Facharzt für Anästhesie in einer deutschen Klinik der Schwerpunktversorgung.
Wir behandeln täglich Covid-19-Patienten.
Und der medizinische Alltag hat sich seit März 2020 deutlich verändert.

„Die Corona-Epidemie ist nichts anderes als eine Grippewelle“
Ganz ehrlich: Das habe ich zu Beginn auch gedacht. Da war das Virus noch weit weg in China und die ersten Fälle in Europa verliefen mehr als glimpflich. Immer wieder war die Rede von „leichten Symptomen“ und fast alle wurden ohne Klinikaufenhalt gesund.
Jetzt aber stehen Kühllaster vor Kliniken in Italien und den USA. Es gibt eine deutliche Übersterblichkeit in Europa seit Beginn der Infektionswelle: https://www.merkur.de/welt/coronavirus-pandemie-studie-uebersterblichkeit-euromomo-todesopfer-zahl-zr-13716728.html
Über 140.000 Menschen sind innerhalb von 16 Wochen in Europa mehr gestorben, als normalerweise.
Der Vergleich mit einer Grippewelle ist damit klar wiederlegt.

„Die Corona-Toten wären ohnehin gestorben“
Stimmt. Irgendwann sterben wir alle mal. So ist unser Lebenszyklus defniert.
Die Frage ist nur: Wann genau sterben wir? Und wodurch?
Pathologen sollen herausgefunden haben, viele der sog. „Corona-Toten“ seien gar nicht durch die Covid-19-Erkrankung ums Leben gekommen. Sie hätten viel mehr an anderen Erkrankungen gelitten.
Natürlich stirbt man nicht direkt und unmittelbar an Covid-19. Denn die Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus ruft ja keine eigenständige Erkrankung hervor (die Grippe im übrigen auch nicht!). Der Erreger sorgt für eine ganze Reihe von Erkrankungen, die wir schon kennen:
– Lungenentzündung, wenn der Erreger in die Lunge wandert
– Lungenembolie, weil der Erreger offenbar Blutgerinnung und Gefäßwände angreift
– Herzschwäche, weil der Erreger den Herzmuskel schwächt
Und es sind diese Erkrankungen, die dann zum Tode führen, weil Organe schon vorgeschädigt sind. Das passiert bei der Grippe auch. Und es passiert auch, wenn ein „geschwächter“ Körper sich z.B. nach einer großen OP nicht erholt.
Die Todesursache ist dann in der Tat z.B. die Lungenentzündung – aber sie ist eben direkte Folge einer OP oder eben einer Covid-19-Erkrankung.
Ohne Covid-19-Erkrankung gäbe es jetzt keine Lungenentzündung und damit auch jetzt keinen Tod. Und wenn in einem Altersheim plötzlich innerhalb von zwei Wochen fast 50% aller SARS-CoV-2-Infizierten sterben (wie in Wolfsburg geschehen), dann ist das kein Zufall oder der normale Lauf der Dinge.

Eine SARS-Cov-2-Infektion ist wie eine Erkältung“
Ja. Kann so verlaufen. Und meistens ist das so.
Aber wehe, wenn nicht: Dann liegt man über viele Wochen auf der Intensivstation und je älter man ist, desto höher ist das Risiko zu sterben.
Aktuell stirbt in Deutschland jeder 3. Patient, der wegen Covid-19 auf einer Intensivstation liegt.
Das Durchschnittsalter aller Todesfälle liegt bei rund 80 Jahren – das ist übrigens in fast allen Ländern ähnlich.
Viele der beatmeten Patienten sind auch nach vier Wochen noch immer am Beatmungsgerät. So lange Verläufe kennt man von anderen Lungenentzündungen nicht. Nicht in der Häufigkeit und Ausprägung.
Covid-19 ist anders. Schwer erkrankte Patienten benötigen sehr lange ein Intensivbett. Und wenn man es überstanden hat, ist man noch lange nicht „gesund“. Das zeigen erste Berichte von Genesenen.

„Die Maßnahmen sind übertrieben“
0,6% – 1% aller Infizierten kommen auf die Intensivstation und müssen beatmet werden.
Bei 1000 Neu-Infizierten (aktuelle Zahl Anfang Mai 2020) sind das bundesweit jeden Tag 6 bis 10. Also in der Woche 42 bis 70 und im Monat 180 bis 300.
Und fast alle Menschen von Tag 1 liegen an Tag 30 immer noch dort. Weil die Behandlung so lange dauert. Das ist nicht nur in meiner Klinik so, das haben mir auch auch Kollegen aus anderen Kliniken so berichtet.
Bei 7.000 Neu-Infizierten pro Tag (Ende März 2020) wären das 1200 bis 2100 Patienten pro Monat. Aktuell sind rund 13.000 Betten frei, d.h. nach einem halben Jahr wären die Kapazitäten weitgehend erschöpft.
De facto sind heute (03.05.2020) noch 1422 Patienten mit Covid-19 am Beatmungsgerät. Das sind 0.9 % aller jemals in Deutschland positiv getesten Fälle. Jetzt sind aber schon 130.000 gesund, d.h. es gibt aktuell noch 35.000 Fälle. Davon sind dann 4% beatmet. Und die Infektionswelle läuft erst seit knapp zwei Monaten.
4 % aller positiv getesteten Patienten sind außerdem bereits tot.
Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, das Gesundheitswesen vor Überlastung zu schützen und Todesfälle durch Covid-19 zu verhindern: Die tägliche Anzahl der Neuinfektionen reduzieren. Soweit es nur irgendwie geht.
Genau das ist uns in Deutschland gelungen.
Auch ich stimme nicht mit allen getroffenen Maßnahmen überein – aber: Das beschlossene Paket war weitgehend richtig.
Die Situation war für uns alle neu – niemand von uns weiss, welche Entscheidung jetzt genau richtig oder falsch ist.
Der „schwedische“ Weg? Schweden hat 1/8 unserer Einwohnerzahl. Die Anzahl der Infektionen passt dazu…aber es sterben 12%, also dreimal soviel Menschen wie hier. Und Schweden hat immer noch 500 bis 800 Neuinfektionen am Tag, das haben wir hier auch fast erreicht – mit 8 x mehr Einwohnern!

Zusammenfassend glaube ich, das wir in Deutschland sehr viel richtig gemacht haben.

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